Gleichstellung in den Nordischen Ländern
Als meine Freundin Anna aus Schweden 2015 ihr Erasmus-Jahr in Deutschland machte, war ich überrascht, als sie mich darauf ansprach, ob ich mich hier nicht benachteiligt behandelt fühlte als Frau. Immerhin sei die Werbung so sexistisch, es gäbe so wenige gender-neutrale Toiletten, so wenige Wickelmöglichkeiten auf Männer-Klos und überhaupt seien die Dozenten in Deutschland überaus sexistisch im Umgang mit Studentinnen und hätten dafür auch keine Konsequenzen zu fürchten.
Ihr Blickwinkel erweiterte meinen enorm.
Nun, zugegeben, seit 2015 hat sich in Deutschland so einiges getan in Sachen Gender-Gerechtigkeit und Gleichstellung, aber im Norden sind uns die Frauen immer noch und stetig einen großen Schritt voraus.
Warum eigentlich? Was und wie genau ist dort anders?
Wir schauen uns konkret an, welche gesellschaftlichen Normen im Norden sich von den hiesigen unterscheiden, wie gegen Gender-Pay-Gap und ungleiche Verteilung von Care-Arbeit vorgegangen wird, wie die rechtliche Lage dort ist und was das alles damit zu tun hat, dass die Menschen im Norden glücklicher sind. Denn die nordischen Länder rangieren regelmäßig bei Rankings bezüglich persönlichen Glücks-Empfindens weltweit sehr weit oben.
Für die Erklärung grundlegender Begriffe bitte ganz ans Ende des Posts scrollen, hier gibt es ein kleines Glossar.
1. Gesellschaftliches Grundverständnis
Im Norden, der im Vergleich zu Mitteleuropa eine andere geschichtliche Entwicklung erlebt hat und wo wenige Menschen auf viel Raum leben, gelten teils andere gesellschaftliche Grundsätze, als wir es gewohnt sind. Zusammenhalt und individuelle Verantwortung spielen eine andere Rolle, doch eines nach dem anderen:
Demokratie und Gleichheit
Demokratie wird im Norden als ein System verstanden, das die gesamte Bevölkerung möglichst umfassend repräsentieren und individuelle Freiheit sowie den Schutz von Minderheiten gewährleisten soll.
Gleichberechtigung wird dabei nicht als Nullsummen-Spiel betrachtet, bei dem eine Gruppe verliert, wenn eine andere gewinnt. Stattdessen gilt die Annahme, dass eine gerechtere Verteilung von Rechten und Möglichkeiten allen Mitgliedern der Gesellschaft zugute kommt und zum Wohlstand aller beiträgt. Also: Der Wohlstand und die Zufriedenheit aller steigen, wenn es einer gesellschaftlichen Gruppe besser geht, so das Verständnis.
Studien zeigen, dass Länder mit größerer sozialer und wirtschaftlicher Gleichheit im Durchschnitt bessere Werte bei allgemeiner Gesundheit, Lebenserwartung, Wohlbefinden und wirtschaftlicher Stabilität erreichen. Forschung deutet außerdem darauf hin, dass gleichberechtigtere Gesellschaften weniger Konflikte und Kriminalität und mehr Innovation und Kreativität hervorbringen. Denn Kreativität entsteht, wo Sicherheit herrscht.
Und das ist das Ziel nordischer Gesellschaften, ein friedliches Leben in individueller Freiheit.
Flache Hierarchien und gesellschaftliche Gleichheit
Trotz dieser Grundannahmen, ist auch in den nordischen Ländern vollständige Gleichstellung noch nicht erreicht. Ziel der Gesellschaften bleibt daher eine möglichst umfassende soziale Gleichstellung.
In vielen nordischen Ländern wird dieses Ziel durch vergleichsweise flache Hierarchien und ein starkes Ideal sozialer Gleichheit unterstützt. Dahinter steht häufig die Vorstellung, dass kein Mensch grundsätzlich mehr wert ist als ein anderer, auch bekannt unter Janteloven (zu deutsch: das Gesetz von Jante). Diese Haltung spiegelt sich sowohl in politischen Strukturen als auch im Alltag vieler Menschen wider. So ist es üblich, sich gegenseitig zu duzen, man ist um ein wohlwollendes Miteinander bemüht und die Meinung aller Betroffenen in Prozessen wird nach Möglichkeit gehört.
Die Rolle von Religion im Norden
Religiöse Institutionen haben im Norden in Politik und gesellschaftlichen Debatten meist wenig Einfluss. Gleichzeitig gelten die vorherrschenden protestantischen Kirchen oft als vergleichsweise offen für gesellschaftliche Veränderungen. In Norwegen waren beispielsweise im Jahr 2020 mehr Frauen als Männer im Bischofs-Amt vertreten, und in allen nordischen Ländern können gleichgeschlechtliche Paare kirchlich heiraten.
Bildung, Arbeit und Care-Arbeit
Dass Gleichstellung zwischen den Geschlechtern aber noch nicht komplett erreicht ist, wird im Bildungs- und Berufsleben sichtbar. Frauen erreichen in den nordischen Ländern im Durchschnitt ebenso hohe oder häufig sogar höhere Bildungsabschlüsse als Männer. Zwischen 2012 und 2022 lag der Anteil von Studentinnen an Hochschulen konstant zwischen etwa fünfzig und neunundfünfzig Prozent. Ihre Anzahl sinkt aber, wenn es um Doktorandinnen und noch mehr, wenn es um Professorinnen geht.
Auch wenn viele Frauen in Teilzeit arbeiten, gehen doch über 70% einer bezahlten Beschäftigung nach. Und auch wenn sie weiterhin den größeren Teil der Care-Arbeit stemmen, übernehmen immer mehr Männer ihren Anteil daran in nordischen Haushalten.
Warum den nordischen Frauen wirtschaftliche Unabhängigkeit wichtig ist
Die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen gilt als ein wichtiger Bestandteil gesellschaftlicher Gleichstellung. Erwerbstätigkeit ermöglicht nicht nur persönliche Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und Absicherung im Alter, sondern trägt auch zum allgemeinen Wohlstand bei.
Es wirkt sich also nicht nur auf die Frauen positiv aus, sondern der gesamten Gesellschaft geht es besser.
Studien zeigen, dass sich eine stärkere Beteiligung von Vätern an der Elternzeit positiv auf die wirtschaftliche Situation von Müttern auswirken kann. In Schweden steigt das zukünftige Einkommen von Frauen im Durchschnitt mit jedem Monat, den der Vater Elternzeit nimmt.
Gleichzeitig beteiligen sich Väter, die Elternzeit genommen haben, später häufiger an der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder. Dass Väter Elternzeit nehmen, ist im Norden viel selbstverständlicher, als etwa in Deutschland.
Intersektionalität als Faktor
Als weiterer wichtiger Ansatz zur Analyse von Gleichberechtigung wird im Norden das Konzept der Intersektionalität erkannt. Es beschreibt das Zusammenwirken verschiedener sozialer Kategorien wie Geschlecht, ethnische Herkunft, Alter, sexuelle Orientierung, Religion, soziale Herkunft oder gesundheitliche Voraussetzungen.
Diese Faktoren können sich überschneiden und dazu führen, dass Menschen mehrfach benachteiligt werden, etwa im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt.
Daher gelten Bemühungen um Gleichstellung selten nur dem Geschlecht, sondern versuchen, so viele Faktoren wie möglich, einzubeziehen. Denn verbessert sich die Situation einer gesellschaftlichen Gruppe, ... ja, genau, Sie wissen Bescheid, steigt der allgemeine Wohlstand aller.
Gleichstellung als fortlaufender Prozess
Ein wichtiger Bestandteil dieser Entwicklung ist die verbreitete Haltung, dass gesellschaftlicher Fortschritt ein fortlaufender Prozess ist. Diese Offenheit für Veränderung schafft Raum für politische Reformen und gesellschaftliches Lernen.
2. Rechtliche Grundlagen und Repräsentation
Recht und staatliches Handeln haben direkten Einfluss auf den Alltag von Frauen. Staaten definieren, was als Diskriminierung gilt und welche Maßnahmen dagegen ergriffen werden. Gleichzeitig basieren politische Entscheidungen auf Daten, die vor allem männliche Lebensrealitäten abbildeten. Diese Gender-Datenlücken können dazu führen, dass Maßnahmen unbeabsichtigt Männer begünstigen und Frauen benachteiligen. In den nordischen Ländern wird deshalb seit Jahrzehnten gezielt zu Geschlechter-Fragen geforscht und Gleichstellung stärker in politische Entscheidungen einbezogen.
Ein prägendes Ereignis war der Frauenstreik in Island im Jahr 1975. Nachdem die Vereinten Nationen dieses Jahr zum internationalen Jahr der Frauen erklärt hatten, rief ein Komitee aus Vertreterinnen der größten Frauenorganisationen zu einem landesweiten Streik auf. Rund 90 % der Frauen beteiligten sich und legten nicht nur ihre Erwerbsarbeit, sondern auch unbezahlte Care-Arbeit nieder. Die Aktion machte sichtbar, wie stark die Gesellschaft und Wirtschaft von der Arbeit der Frauen, bezahlt und unbezahlt, abhängen. Bereits ein Jahr später verabschiedete Island ein Gleichstellungsgesetz gegen geschlechter-bezogene Diskriminierung am Arbeitsplatz und in Schulen. 1980 wurde mit Vigdís Finnbogadóttir weltweit erstmals eine Frau demokratisch zur Staatschefin gewählt.
Aktive Gleichstellungs-Politik
Geschlechtergleichheit und Stärkung von Frauen gelten im Norden als Ziel staatlichen Handelns und ist eng mit sozialpolitischen Maßnahmen verbunden. Das führte schon früh zu aktiver Gleichstellungs-Politik:
Bereits in den 1960ern lag ein Fokus auf der Bildung: Schulische Fächer wurden so organisiert, dass traditionelle Geschlechterrollen weniger reproduziert werden. Gleichzeitig begann man, Mädchen stärker für technische und naturwissenschaftliche Berufe zu interessieren.
In den 1970ern kamen etwa der Ausbau von Kinderbetreuung, allgemeine Aufklärung über Verhütung, Unterstützung für Alleinerziehende sowie das Recht auf selbstbestimmte Abtreibung dazu.
Und schon seit den 1980er Jahren gibt es in den nordischen Ländern Elternzeit für Väter, darauf basierend können seitdem neue Rollen von Vätern und Müttern in den Familien etabliert werden.
Frauen in der Politik
Die politische Beteiligung von Frauen hat im Norden eine lange Tradition. Alle nordischen Länder führten das Frauenwahlrecht zwischen 1893 und 1919 ein. Heute sind Frauen in politischen Ämtern vergleichsweise stark vertreten.
In Norwegen, Schweden und Finnland lag der Anteil von Frauen in nationalen Parlamenten 2020 bei über 40 Prozent, in Dänemark zwischen 30 und 40 Prozent. Auch in Regierungen sind Frauen häufig vertreten: In Schweden lag ihr Anteil auf Ministerposten 2018 bei über der Hälfte, in Norwegen, Dänemark und Finnland zwischen knapp 40 und 50 Prozent.
Familienpolitik und wirtschaftliche Teilhabe
Ein wichtiger Bestandteil nordischer Gleichstellungspolitik ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In Finnland hat jedes Kind Anspruch auf einen Kita-Platz, teilweise sogar rund um die Uhr. Solche Angebote ermöglichen Eltern auch in Berufen mit Schichtarbeit eine verlässliche Betreuung. In Dänemark besteht ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder ab etwa sechs Monaten bis zum Schuleintritt.
Auch die Gestaltung der Elternzeit spielt eine wichtige Rolle. In Island ist sie beispielsweise seit 2000 so organisiert, dass ein Teil der Zeit jeweils exklusiv für Mutter und Vater reserviert ist. Seit 2021 umfasst sie insgesamt 13 Monate, von denen jeweils 6 Monate nicht auf den anderen Elternteil übertragbar sind. Diese Regelung schafft Anreize für Väter, sich stärker an der Betreuung zu beteiligen und erleichtert Frauen den Verbleib im Arbeitsmarkt.
Wirtschaft und Führung
Auch in der Wirtschaft wurde aktiv eingegriffen, um die Repräsentation von Frauen zu erhöhen. Norwegen führte 2003 eine gesetzliche Quote für Unternehmensvorstände ein. Seit 2008 müssen in börsennotierten Unternehmen mindestens 40 Prozent der Vorstandsmitglieder Frauen sein. Die Maßnahme führte innerhalb weniger Jahre zu einem deutlichen Anstieg weiblicher Führungskräfte, explizit von 7 % im Jahr 2003 auf 41 % im Jahr 2016.
Im internationalen Vergleich liegen die nordischen Länder beim Frauenanteil in Unternehmensvorständen vorne. Während der Anteil in Deutschland und Dänemark Mitte der 2010er Jahre bei etwa 27 Prozent lag, erreichte er in Norwegen über 40 Prozent und in Island noch höhere Werte. Neben Quoten gelten finanzielle Anreize als verlässliche Methode, um mehr Parität zu garantieren.
Geburtsrechte und Selbstbestimmung
Ein wichtiger Aspekt von Gleichstellung betrifft reproduktive Rechte und Selbstbestimmung. In allen nordischen Ländern sind moderne Verhütungsmittel verbreitet und Schwangerschaftsabbrüche legal. Diese Rahmenbedingungen ermöglichen es Frauen, Zeitpunkt und Anzahl ihrer Kinder selbst zu bestimmen und verbessern ihre Chancen auf Bildung, wirtschaftliche Teilhabe und politische Beteiligung.
Parallel dazu haben sich auch Rechte für LGBTQI+-Personen entwickelt. In Dänemark wurde 1989 weltweit die erste eingetragene Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare geschlossen. Heute sind gleichgeschlechtliche Ehen in allen nordischen Ländern möglich. Städte wie Kopenhagen gelten international als besonders queer-freundlich, auch wenn weiterhin rechtliche und gesellschaftliche Herausforderungen bestehen.
3. Realitätscheck und Lernbereitschaft
Trotz großer Fortschritte ist Gleichstellung auch in den nordischen Ländern nicht vollständig erreicht. In vielen Branchen bestehen weiterhin typische Männer- und Frauenberufe. Auch bei der Verteilung von Care-Arbeit gibt es weiterhin Unterschiede. Zwischen 2012 und 2022 leisteten Frauen in allen nordischen Ländern täglich im Schnitt 1 Stunde mehr unbezahlte Sorge-Arbeit als Männer, wenn auch weniger stark ausgeprägt als etwa in Deutschland, wo Frauen im Schnitt fast 2 Stunden mehr Care-Arbeit täglich übernehmen. Zudem arbeiten Frauen auch im Norden häufiger in Teilzeit, als Männer es tun.
Geschlechter-Stereotype sind insgesamt zwar schwächer ausgeprägt, verschwinden jedoch nicht vollständig. Das traditionelle Bild des Mannes als Hauptverdiener wirkt teilweise noch nach, wobei in den meisten Haushalten beide Partner erwerbstätig sind. Männer, die sich stärker in die Kinderbetreuung einbringen möchten, berichten gelegentlich noch von Spott oder Skepsis. Auch auf Schulhöfen zeigt sich, dass Begriffe, die als unmännlich gelten, weiterhin als Beleidigungen verwendet werden.
Gleichstellung als fortlaufender Prozess
Trotz vieler Fortschritte ist Gleichstellung auch im Norden nicht vollständig erreicht. Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen weiterhin, ebenso Probleme wie geschlechtsspezifische Gewalt oder Diskriminierung. Daher bleibt Gleichstellung ein zentrales Thema politischer Zusammenarbeit, etwa im Rahmen des Nordischen Ministerrates. Die Bereitschaft, weiterhin zu lernen und Korrekturschleifen einzubauen, ermöglicht politische Prozesse zu optimieren und Verbesserungen Schritt für Schritt zu erreichen.
Viele nordische Politiken verfolgen deshalb den Ansatz, Gleichstellung nicht als Einzelmaßnahme zu behandeln, sondern als grundlegendes Prinzip staatlichen Handelns.
Wenn Politik genauer hinschaut
Ein bekanntes Beispiel dafür, wie neue Perspektiven politische Entscheidungen verändern können, stammt aus der schwedischen Stadt Karlskoga. Dort wurde 2011 beschlossen, kommunale Entscheidungen systematisch aus einer Gleichstellungs-Perspektive zu betrachten. Zunächst schien dies auf den Winterdienst kaum anwendbar zu sein. Doch weit gefehlt: Bisherigen Räumpläne priorisierten vor allem Hauptverkehrsstraßen und benachteiligten somit Frauen. Wie das?
Studien belegen, dass Männer und Frauen den öffentlichen Raum unterschiedlich nutzen. Männer fahren häufiger mit dem Auto und legen meist direkte Wege zwischen Wohnort und Arbeitsplatz zurück. Frauen nutzen häufiger öffentliche Verkehrsmittel, gehen zu Fuß und kombinieren mehrere Wege, etwa zur Kinderbetreuung, zur Arbeit oder zum Einkaufen.
Deshalb begann Karlskoga, zuerst Gehwege, Fahrradwege und Routen des öffentlichen Verkehrs zu räumen, und danach erst alle weiteren Straßen.
Die Maßnahme verursachte keine höheren Kosten, hatte jedoch positive Nebenwirkungen. Die Zahl der Verletzungen durch Stürze auf glatten Wegen ging zurück, was wiederum Kosten im Gesundheitssystem senkte und die Produktivität der Wirtschaft durch fehlende Ausfälle steigerte.
Dieses Beispiel zeigt, dass Ungleichheiten häufig nicht bewusst entstehen, sondern durch Perspektiv-Lücken in Planung und Daten. Wird genauer hingeschaut, lassen sich viele Strukturen relativ einfach verbessern und letztlich können alle profitieren.
Veränderungen in Kultur und Gesellschaft
Auch in anderen Bereichen wird Gleichstellung aktiv diskutiert. Der norwegische Fußballverband entschied 2017 als erster nationaler Verband, männlichen und weiblichen Nationalspielern gleiche Prämien zu zahlen. Zuvor erhielten Frauen rund die Hälfte der Vergütung der Männer, obwohl sie international erfolgreicher waren.
Der Blick auf diese Beispiele zeigt, dass Fortschritte in der Gleichstellung oft aus einer Kombination von politischem Willen, öffentlicher Diskussion und der Bereitschaft entstehen, bestehende Strukturen immer wieder kritisch zu überprüfen.
4. Gesellschaftliche Folgen von Gleichstellung
Die vergleichsweise konsequente Gleichstellungspolitik der nordischen Länder zeigt verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen.
Im internationalen Vergleich ist dort der Abstand zwischen den Geschlechtern relativ gering: Im Global Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums belegte Island im Jahr 2020 den 1. Platz, Norwegen den 2. - Deutschland lag im selben Jahr auf Platz 10. Auch institutionelle Diskriminierung ist in vielen Bereichen geringer als in zahlreichen anderen Ländern.
Außerdem sind Rechte für LGBTQI+-Personen rechtlich verankert. Gleichgeschlechtliche Ehen sind in allen nordischen Ländern möglich und gesellschaftlich weitgehend akzeptiert.
Frauen heiraten später, häufig erst ab etwa 30 Jahren, wenn Ausbildung abgeschlossen und wirtschaftliche Unabhängigkeit erreicht ist. Scheidungen gelten bereits seit den 1990er Jahren nicht mehr als ungewöhnlich.
Ein frühes Beispiel für staatliche und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Gewalt gegen Frauen sind Frauenhäuser. In Schweden wurde bereits 1977 das erste eröffnet, kurz darauf folgten Einrichtungen in Dänemark und Finnland.
Gleichzeitig zeigen Studien, dass häusliche Gewalt auch im Norden weiterhin ein Problem ist. Dies zeigt, dass rechtliche Gleichstellung nicht automatisch alle gesellschaftlichen Probleme löst.
Interessant ist auch ein anderer Aspekt: Trotz des hohen Wohlstands sind kosmetische Operationen in den nordischen Ländern vergleichsweise weniger verbreitet als in anderen Regionen. Forschende führen dies teilweise darauf zurück, dass gesellschaftlicher Druck auf Frauen, bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen, sinkt, wenn Gleichstellung in der Gesellschaft stärker verankert ist. Parallel dazu ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen hoch. In Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland gehen über 70 % der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren einer bezahlten Arbeit nach.
Frauen erleben durch Gleichstellung weniger gesellschaftlichen Druck und mehr Freiheit, und das auf vielen Ebenen. Das schafft Zufriedenheit und Glück.
Und bleiben wir in der Logik des Nordens, so bedeutet eine Verbesserung für einzelne Gruppen auch eine Verbesserung für die gesamte Gesellschaft. Die gesamte Gesellschaft wird glücklicher. Somit ist die Gleichstellung im Norden durchaus ein Baustein für das allgemeine Glücks-Empfinden dort.
5. Gleichstellung als fortlaufender Prozess
Die nordischen Länder gelten international häufig als Vorbilder für Gleichstellungspolitik. Der Blick auf ihre Entwicklung zeigt, dass Fortschritte selten das Ergebnis einzelner Maßnahmen sind. Vielmehr entsteht Gleichstellung durch das Zusammenspiel von rechtlichen Rahmenbedingungen, politischem Willen, gesellschaftlicher Diskussion und der Bereitschaft, bestehende Strukturen immer wieder zu überprüfen.
Zugleich wird deutlich, dass auch in diesen Ländern weiterhin Herausforderungen bestehen. Unterschiede in der Verteilung von Care-Arbeit, geschlechtsspezifische Berufswahlen oder Gewalt gegen Frauen zeigen, dass Gleichstellung kein abgeschlossener Zustand ist, sondern ein fortlaufender Prozess.
Gerade darin liegt jedoch eine wichtige Erkenntnis: Fortschritte werden möglich, wenn Gesellschaften bereit sind hinzusehen, Daten zu erheben und zu analysieren und politische Entscheidungen entsprechend anzupassen. Die nordischen Länder bieten deshalb weniger ein perfektes Modell als vielmehr ein Beispiel dafür, wie kontinuierliche Lernbereitschaft und politische Gestaltung zu mehr Gleichstellung beitragen können.
Glossar:
Care-Arbeit
meist unbezahlte Arbeit zur Erziehung, Pflege und Betreuung anderer Personen und Pflege des Haushalts
Erasmus-Jahr
Auslands-Aufenthalt während des Studiums im Ausland, gefördert von einem Programm der Europäischen Union
Gender
soziales Geschlecht im Gegensatz zu Sex, dem biologischen Geschlecht;
also: gesellschaftliche Rolle, Erziehung etc.
Gender-Pay-Gap
Differenz der Gehälter zwischen Frauen und Männern
Gesetz von Jante
geht zurück auf den Roman Ein Flüchtling kreuzt seine Spur von Aksel Sandemoses, das als Verhaltenskodex die Zurückhaltung und Bescheidenheit im Norden beschreibt
LGBTQI+
Abkürzung für lesbisch, schwul, bi-, trans-sexuell, queer und inter-sexuell und alle weiteren sexuellen Identitäten
queer
nicht heterosexuell, cisgender oder mit binärer Geschlechter-Identität
Quellen:
Podcast der Nordischen Botschaften in Berlin Play Nordic - Kultur aus dem Norden, Episode 2 vom 01. April 2021.
Breen, Marta: How to be a feminist. Die Power skandinavischer Frauen und was wir von ihnen lernen können. München 2020.
Criado-Perez, Caroline: Unsichtbare Frauen. München 2020.
Saeger, Joni: Der Frauen Atlas. Ungleichheit verstehen. 164 Infografiken und Karten. München 2022.